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Beware of the Hug

Ich dachte immer man würde reisen gehen um seinen Horizont zu erweitern: neue Dinge auszuprobieren, seine Sprachkenntnisse zu erweitern, seine Grenzen auszutesten und vielleicht weiterzustecken und um mögliche Vorurteile abzubauen. Um „aus der persönlichen Sicherheits- und Wohlfühlzone herauszukommen“ wie mir neulich ein koreanischer US-Amerikaner sagte, der bereits in 9 verschiedenen Ländern gelebt hat, unzählig viele Sprachen spricht und gerade seinen Dienst bei der US-Armee quittiert hat. Nun bietet er mehrwöchige Mountainbike-Touren in Schottland an, ist außerdem mit seinen mitte 40 sowohl Vater als auch schon Großvater und versuchte mir seine Gründe fürs Reisen zwischen dem Abtrocknen von 2 Tellern in ein paar Worten zusammen zu fassen.

Ich frage mich ob es an mir liegt oder ein allgemeineres Problem zu sein scheint, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Vorurteile oftmals und vor allem entgegen jeder bösen Absicht eher bilden als auflösen. Vielleicht ist es aber auch nur eine natürliche Erscheinung, wenn man längere Zeit auf kleinstem Raum mit vielen Nationalitäten lebt, wie etwa in einem Hostel, wo einem die französische Tischkultur, die israelische Kommunikationskultur, die deutsche Nölkultur oder die amerikanische Pröllkultur schneller mal ins Auge sticht und auf den Geist geht.

Aber glücklicherweise sind manche „Kopfnüsse“ an denen man so rumdenkt durch das einfache Mittel „Abstand“ zu relativieren und so fuhren Christian und ich raus und weg von der touristisch sehr frequentierten Region um Queenstown raus aufs Land. Und ich meine wirklich aufs Land. Knapp 200km in beide Richtungen bis zur nächsten größeren Stadt im Herz der zivilisatorischen „Wüste“ von Zentral Otago liegt ein kleiner Ort mit ca. 8 Einwohnern namens Cambrian, wo es uns nun hinverschlägt, denn hier wohnt Bob L. de Berry und pflanzt einen Wald. Als ich vor 6 Jahren das erste mal in Neuseeland war, habe ich bei Bob gewooft (WWooF ist die Abkürzung für Willing Workers on organic Farms und steht für das Arrangement 4-6 Std Arbeit am Tag gegen Kost und Logis frei) und konnte es nun kaum abwarten ihn zu besuchen. Bob ist (fast) 66 Jahre alt, würde mich jeder Zeit im Wettrennen schlagen, versprüht eine Lebensfreude, die einem die Tränen in die Augen treibt und hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, einen Wald für das nächste Jahrhundert – am liebsten aber für das nächste Jahrtausend – zu pflanzen. Hier sind wir nun also in seinem Haus, genießen die herbstliche Abendsonne und kochen und lachen gemeinsam. In gemütlicher Runde quatschen und tratschen wir über ein paar paar Gläsern Ingwerwein und selbstgebrautem Bier und kommen schnell auf unsere Routeburn-Wanderung zu sprechen. Bob ist gleich Feuer und Flamme und wieselt durch sein Wohnzimmer, auf der Suche nach den Wanderführern, die in den 70ern und 80ern – seinen Wanderjahren – hier in Neuseeland als Wanderbibel galten. Mit leuchtenden Augen erzählt er von seinen Erlebnissen auf den Great-Walks und anderen Wanderungen. So erzählt er uns auch noch einen passenden Schwank aus seinem Leben: „Ich habe meiner Frau einen Heiratsantrag auf der Spitze vom Mount Ruapehu gemacht.. als wir oben waren habe ich sie gefragt und sie sagte ja und dann habe ich zwei Gläser und eine kleine Flasche Champagner aus meiner Tasche gezogen und wir haben angstoßen.“ Aber während unsereins noch in Verzückung über die Romantik der Gesamtsituation dasteht, schließt Bob die Anekdote aus vollem Herzen lachend mit der für ihn logischen Lebensweisheit: „Aber wenn du einer Frau einen Antrag auf der Spitze eines Vulkans machst, musst du auch damit rechnen, dass die Ehe in die Luft geht!“

Am nächsten Morgen bekommen wir noch eine Führung über die Territorien des Waldes in Spe und begutachten mit Bob den Zustand seiner Bäume. Vermeintliche persönliche Probleme rücken in viel kleinere Wichtigkeitskategorien wenn man sieht mit welchem Leuchten in den Augen Bob von einer bestimmten Laubfarbe erzählt, auf die er sich bei diesem Baum jetzt in der kommenden Herbstjahreszeit besonders freut oder wie gut jener Baum heranwächst, da er sich so über den Sonnenschein an seinem Standort freue. Wenn Bob von seinem Wald spricht, hat man den Eindruck von Tagen eher als von Jahren oder Jahrzehnten, die ins Land ziehen bis die Bäume herangewachsen sind. Er hat immer was zu tun und ist mit seinem Projekt des „Cambrian Common Forest“ noch lange nicht am Ende. „5 Jahre noch mit Energie… das wäre schön.“ wünscht er sich, Bob wir wünschen sie dir von ganzem Herzen.


Spaziergang um den Lake Hayes, Arrowtown nähe Queenstown



zwei Paradiesenten (das Männchen ist dunkel, das Weibchen hat einen weißen Kopf) am Lake Hayes, Arrowtown nähe Queenstown



Das Schild am Tor vor Bobs Haus…wobei dieses Tor ohne Zaun etwas zusammenhangslos auf der Wiese steht…



Freudenssprung (leider eine Sekunde zu früh ausgelöst)



Chris und Deb waren von Anfang an gute Freunde



Bobs Haus



Bobs Küche



Bob auf der Führung durch seinen Wald













Diese Hütte, Bobs Haus gegenüber gelegen, dient als Unterkunft für Besuch (ergo uns). Der Sonnenaufgang von den Sofas aus ist phantastisch! Wobei wir ihn sogar von unserem Bett aus sehen konnten und nicht mal raus mussten :o)



Die Hütte von innen



Bobs Haus

Zum Abschied von Cambrian besuchen wir noch Bobs Nachbarn Grahame Sydney – einem von neuseelands bekanntesten Künstlern – genießen die herrliche Aussicht von seinem Grundstück und schauen wie es seinen Weinstöcken geht, die ich damals mit anpflanzen half. Passend zu unserer nostalgischen Stimmung (die sicherlich zum Teil in Bobs uriger Hütte begründet liegt :o) ), verlassen wir Bob und wandeln noch ein bisschen auf den Pfaden der Goldgräber im nahegelegenen historischen St.Bathans.


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Im verlassenen Gemeindehaus finden wir ein altes Klavier, was zwar sicherlich seit den Zeiten des Goldrausches keinen Klavierstimmer mehr gesehen hat, aber immerhin noch funktioniert :o)



Der Blaue See in St.Bathans

13 Kommentare auf “Beware of the Hug”

  1. Helga sagt:

    Ich bin sooooo fasziniert…..Kathi sobald Ihr wieder zurück seit……spiel nochmal!!!!!!ich könnte Euch stundenlang knuddeln für dieses schöne miterleben“dürfen“Euerer Reise…….WAS KANN DIE WELT DOCH SCHÖN SEIN…….ich hätte gar keine Lust mehr zurück zu kommen………wenn ich die Foto`s anschaue,tauche ich fast ein in diese Welt und bei Deinem Spiel liebe Kathi und dem Bild von Chris mit dem Hund sind Glückstränen geflossen….Danke Ihr Zwei ww Knuddel die Helga

  2. Martina sagt:

    Hey Ihr zwei!
    Ich bin immer wieder auf’s neue fasziniert wenn ich Eure Bilder sehe,und dann
    kommt auch noch dieses Video (…Wahhhnsinnnn…) Kathi !!! Ich wusste gar nicht das Du so toll Klavier spielen kannst,ich war total hin und weg.
    Schade das es nicht gestimmt war… und das man nur 0.41sek. sehen aber vor allem auch hören kann… Super schön!
    Alena und Jonas umarmen Euch… und wir vermissen Euch ganz doll! Ich hoffe Ihr könnt für Euch noch ganz viele neue schöne Eindrücke, und
    für uns am anderen Ende der Welt, noch mehr schöne Foto’s sammeln!
    Ich drück Euch ganz fest!
    Liebe Grüße von Zuhause…. Martina

    • Chris sagt:

      Hallo Ihr,

      das freut uns rieisg von dir zu lesen und was von zuhause zu hören! Wirhoffen euch geht es allen gut!
      Ihr fehlt uns auch, wär jetzt schon schön einfach mal so auf einen Kaffee „runter“ zu kommen… Das müssen wir aber wohl auf August verschieben :-)
      Fühlt euch alle ganz fest gedrückt, ganz liebe Grüße,

      Kathi & Christian

  3. Nette sagt:

    Hallo Kathi,
    jetzt wo ich dich spielen hörte, hab ich erst gemerkt,wie sehr ich das in der letzten Zeit vermisst habe,auch wenn das Klavier noch so verstimmt war : es ist und bleibt die Lieblings- Melodie. Es tat auch gut Bob auf den Photos wieder zu sehen, ich glaube er ist in den letzten Jahren noch waiser geworden, und sein Lachen ist nach wie vor ansteckend und sollte so manchen von uns zum Nachdenken animieren.
    Ganz liebe Grüße an euch……………………………

    • Kathi sagt:

      Hey Mom! :o)
      Was glaubst du wie ich mich gefreut habe, nach so vielen Monaten endlich mal wieder ein Klavier zu finden? :oD Das fehlt mir auch ganz schön…
      Es war so schön, Bob wieder zu sehen und er scheint fideler als eh und je :o) Er hat auch ganz viel gefragt, wie es dir ginge. Ganz liebe Grüße und einen „hug“ soll ich dir geben :o)

  4. Sandra sagt:

    Hallo,

    oh mir wurde der Link durch einen Freund gegeben und ich bin ganz platt von der Schönheit des Landes, da auf der anderen Seite der Welt…
    Wie heißt denn das Lied, das am Klavier gespielt wurde? Das klingt wundervoll!
    Habt noch eine ganz tolle Zeit, wo immer eure Reise euch noch hinführen wird.
    Grüßle,
    Sandra

    • Kathi sagt:

      Hallo Sandra!
      Ja, dieses Land ist wirklich wunderschön und v.a. immer wieder anders. Die Einzigen, die ich je getroffen habe, dich nicht auf Anhieb hin und weg waren, waren die Kanadier… und das auch nur weil sie meinten es sei wie zu Hause :o) Hier sei die gesamte Landschaft Kanadas auf diese doch recht kleine Landmasse zusammen geschrumpft…aber auch recht praktisch, wie sie meinten, weil es so viel besser und schneller zu bereisen sei :o)
      Das Lied, was ich gespielt habe, ist von Ludovico Einaudi und heißt „Oltremare“.
      über wen hast du eigentlich den Link zu unserem Blog bekommen? Nur so aus Interesse – wir freuen uns immer n Keks über jeden Mitleser :o)
      Liebe Grüße in Herbstlaubfarben,
      Chris und Kathi

  5. WOLLE :-) sagt:

    Hallo ihr 2, ich möchte euch nun auch mal ein paar Zeilen da lassen, da ihr uns hier (in good old Germany) ganz ganz toll mit den schönsten Eindrücken aus der der Welt und euren wunderbaren Erlebnissen immer wieder verzaubert. Ich lese sonst eigentlich nicht wirklich viel bzw. gerne aber dies hier ist einfach was ganz besonderes woran ihr uns teil haben lasst. Ein danke schön an euch. Ich wünsche euch weiterhin viele viele unvergesslich schöne Tage auf eurer Reise. Habt noch viel Spaß und vorallem bleibt schön gesund.

    Viele liebe Grüsse aus HU
    WOLLE

    • Chris sagt:

      WOLLE! :-) Du liest hier auch mit!? Freut mich wirklich rieisig! Und dann bekommt man auch noch Honig um den Bart geschmiert… Einfach toll.
      Liebe Grüße zurück und auf bald in Hanau,

      Kathi & Chris

  6. Katja sagt:

    Hi ihr zwei!!
    Klavier spielen kann se auch noch…
    echt, eine Überraschung! Ich liebe eure Fotos! Aber euch/dich ma „live“ zu sehen…vielleicht solltet ihr mal ein Grußvideo in euren Blog stellen! Hat mich gerade schon sentimental gestimmt und dann noch mit musikalischer Untermalung…*schnief…
    Ist doch was anderes, als sich „nur“ die Bilder anzuschauen…
    Lieben Gruß
    Katja

    • Kathi sagt:

      Hey Katja :o)
      Ach wie schön von dir zu hören.. in einer ähnlichen sentimentalen Stimmung sind wir jedes Mal, wenn wir von euch hören/lesen können :o) Hank ist bestimmt auch schon ganz genervt, weil wir so viel Paddy Goes To Holyhead u.ä. im Auto hören in Good Old Memories of Hanau :o) Hoffe, es geht euch gut? Vermissen euch!!! Seid ganz lieb umarmt,
      Chris und Kathi

      P.S. Nette Idee – wir arbeiten an deiner Idee mit dem Video :o)

  7. Sandra sagt:

    Huhu,
    es ist ein Freund, der per Work and Travel NZ lieben lernte. Er hatte mir freundlicherweise das hier gelinkt und findet Bob so toll, wie er in dem Alter noch voller Energie und dem Lächeln … wow!
    Grüßle aus dem sonnigen Schwabenland
    Sandra