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47° Süd

Hier waren wir also in Invercargill – der Großstadt des Südens. Wie so viele Städte in Neuseeland setzt auch Invercargill keinen großen Meilenstein in die Erinnerungen eines Reisenden und so haben wir von diesem Ort nicht allzu viel zu berichten, außer, dass es hier ein sehr gemütliches Hostel in Form eines alten Villagebäudes gibt. (Städte werden meiner Meinung hier erst interessant, wenn man in Erwägung zieht hier zu leben – als Reisende sind sie v.a. im Vergleich zur spannenden und atemberaubenden Natur hier eher unspektakulär und dienen in der Regel mehr als Basisstation für andere Ausflugsziele und zum Auffüllen von Nahrungsmitteln etc.). In unserem Hostel hatten wir von einem netten Briten aus York gehört, dass die Stewart Island Airline sogenannte Standby-Flüge anbietet, welche im Endeffekt günstiger sind als die Fähre und man lediglich ein wenig Flexibilität mitbringen muss, um auf einen bzw. in unserem Falle zwei freie Lastminute-Plätze im Flugzeug zu warten. Günstiger und dann auch noch eine Fährfahrt auf einer der „holprigsten“ Meerengen der Welt zu umgehen, waren zwei Argumente, die uns spontan überzeugten und da die Flüge im Moment nicht allzu sehr frequentiert zu sein schienen, konnten wir sogar bereits für den nächsten Morgen einen Flug auf die Insel bekommen. Am Flughafen wurde uns dann auch schon gleich bewusst, wie klein und familiär nicht nur diese Stadt und der Flughafen, sondern auch die Airline und ihre Maschinen ist… Irgendwann nach ca.30 min nach der geplanten Abflugszeit kam ein Pilot durch den Raum des Flughafengebäudes gelaufen, trank schnell den letzten Schluck seines Kaffees aus und winkte uns lediglich drei Passagiere mit einem lockeren „Come on guys, let’s go!“ mit sich mit zum Flugzeug. Wie sich herausstellte, war die Maschine so klein, dass sie ein Maximum an 9 Personen (inklusive Pilot) mitnehmen kann und so saßen Christian und ich eh wir uns versahen unmittelbar hinter dem Piloten, umringt von ner Menge wichtig aussehnder Knöpfe und zwei erschreckend kleinen Propellern eingekeilt auf einer kleinen Bank mit weißen Plüschbezug. Noch schnell eine kleine Sicherheitseinweisung vom lässig in der Tür lehnenden Piloten, der uns anwies, wie wir die Türen rechts und links von uns beiden aufkriegen, falls wir es im Notfall wünschen sollten, und ab ging’s auch schon! Der Flug war zwar größtenteils in den Wolken, aber das plötzliche Auftauchen der dicht bewaldeten Insel durch die Nebelschwaden beim Sinkflug sah wirklich beeindruckend aus – mal ganz abgesehen von dem Flugerlebnis an sich, was einem ein abenteuerliches Gefühl von Indiana Jones vermittelte :o)

Stewart Island ist ein so kleiner Mikrokosmos, dass das Leben hier noch langsamer zu laufen scheint, als im Rest vom Land und selbst da, also auf dem „Festland“, habe ich es oft schon beschrieben gehört mit: „das Leben ist hier so langsam, dass es nahezu rückwärts zu laufen scheint“. Vielleicht ist es auch deswegen, warum wir im Moment hier nicht so oft etwas zum Schreiben haben.. Wir erleben hier sehr viele tolle Dinge, aber die sind in der Regel  gerade in Erzählungen nicht so spektakulär wie unsere Erlebnisse aus Asien, da wir die meiste Zeit einfach mit durch die Landschaft fahren/wandern/gucken verbringen, während wir über Gott und die Welt diskutieren. Aber beim Reisen muss es auch einfach Zeit geben für kleine Fächerschwanzmeisen bei ihren Navigationsversuchen beobachten, sich darüber freuen, dass ein Tomtit (kleiner Vogel in Spatzengröße, nur etwas farbenfroher in schwarz und gelb mit orangenen Füßen) eine Kopfform wie Darth Vader hat, wenn er sich aufplustert, und Sonnenlicht auf Wasser reflektiert unglaublich schöne schillernde Reflektionen auf Farnblättern im Umkreis hervorruft, oder nicht?

Zurück nun aber zum Wesentlichen unserer Reise nach Stewart Island, oder auch Rakiura, wie die Maoris die Insel nennen. Rakiura heißt „Land der leuchtenden Himmel“ was entweder ein Hinweis auf die spektakulären Sonnenauf- und -untergänge sein kann, oder auf die unglaublichen sternklaren Nächte, die es hier gibt, wenn es mal nicht regnet. Und das tut es hier oft, nämlich durchschnittlich an 2 von 3 Tagen im Jahr. Auf wundersame Weise allerdings war es uns gegönnt die 3-Tageswanderung  im südlichsten Nationalpark Neuseelands – den Rakiura Track – mit strahlendstem Sonnenschein zu laufen und lediglich den Regen nachts in den Hütten auszusitzen. Das heißt, es war nur ein bisschen matschig und wir wateten nicht durch tiefe Schlammlöcher, wie es hier schon mal vorkommen kann. Aber Schlamm ist hier eine Lebensphilosophie, zumindest steht es so auf einem Schild im Office vom Department of Conservation und wird nicht großartig als störend empfunden, sondern eher als etwas, womit man lebt. So z.B. antwortete die Mitarbeiterin von selbigem Office nur mit einem Schulterzucken auf unsere Frage nach dem momentanen Zustand des Weges von Freshwater Landing nach Mason’s Bay (eine 2tägige Wanderung, die wir eigentlich nach dem Rakiura-Track noch machen wollten, letztendlich aber wegen Wetterlage wieder gestrichen haben): „Ist nicht so schlimm… manchmal ist der Weg etwas überflutet und ihr wollt vielleicht nicht 3-4 Stunden durch Knie- bis Hüft-hohen Schlamm waten [mit einem Ton in der Stimme, der allerdings die Machbarkeit dessen keinesfalls in Frage stellte], aber es hat ja nicht so viel geregnet in letzter Zeit…“ (und das sagt sie nach einem Tag mit Regenschauern, die einen dazu animieren eine Arche bauchen zu wollen). Wir haben dann einfach nur genickt und mir im Office noch eine feste große Plastiktüte („Survival Bag“) für meine Sachen im Rucksack gekauft.. nur so für den Fall von noch mehr nicht nennenswerten, sintflutartigen Regenschauern… (ich: „Warum heißt es ‚Survival Bag‘?“ DOC-Mitarbeiterin: “ Weil du im Notfall selbst reinpasst“).

Der Rakiura-Track ging fast ausschließlich durch Wald und obwohl sich laut Gästebucheinträgen der Hütten viele Menschen über fehlende Aussichten (sowie Regen und Matsch) beschwerten, konnten wir uns dank des tollen Wetters am märchenhaften Farbenspiel der Sonnenstrahlen zwischen Bäumen, Sträuchern und Unmengen an Farnarten erfreuen. Unterwegs trafen wir auf ein unglaublich nettes und sympathisches Kiwi-Pärchen aus Mount Maunganui – Dion und Becs (aka Rebecca) – mit denen wir uns direkt angefreundet haben und die uns sogar eingeladen haben sie zu besuchen, wenn wir  auf die Nordinsel kommen. Wir hoffen so sehr, dass wir genug Zeit haben, wenn wir dann mal irgendwann auf der Nordinsel sind, damit wir die beiden nochmal wiedersehen können!

Ein Highlight war auf jeden Fall unser wohlverdientes Bier und Essen nach dem Track abends im Pub. Von einer sehr netten Maori-Frau in Oban (dem einzige Ort auf der Insel) hatten wir gehört, dass hier ein sogenannter „Seafood-Platter“ bestellt werden könne – er stünde zwar nicht auf dem Menü, wäre aber auf Nachfrage machbar und defenitiv sein Geld wert. Ein Vergleich der Infos vom der Bardame mit den Gerichten und Preisen auf der Karte ließ uns darauf schließen, dass der Seafoodteller für 25$ für eine Person gedacht sein muss und der für 50$ dann wohl für 2 Personen. Dion, Becs und Chris haben dann vorsichtshalber mal beide bestellt, damit sich alle vor Abreise nochmal so richtig an Seafood sattessen konnten – schließlich hatte 4 Tage zuvor erst die Austernsaison begonnen und die besten Austern des Landes gibt es hier in Stewart Island. Als dann der erste riesige Teller mit panierten und frittiertem Tintenfisch, Austern, Muscheln und Fisch auf Pommesbett serviert wurde, war schnell klar, dass dieser Berg an Essen nur die Bestellung von Becs und Dion sein konnte. Aber weit gefehlt! Ein ovales Tablett von ca. 70cm Länge mit einem noch unfassbarerem Berg an oben genannten Dingen kam nochmal kurz darauf. So wurden wir kurzehand zum Gespräch der gesamten einheimischen Pubbelegschaft (und somit gewissermaßen also der ganzen Insel), die sich lautstark über uns amüsierte und fragte, a) wie wir an so tolles Essen kämen, was ja nicht mal auf der Karte zu finden sei und b) wo wir wohl herkämen, dass wir solche Massen an Essen schaffen könnten. Natürlich kam in neuseeländisch-unverblümter Art nach und nach jeder mal bei uns vorbei um uns entweder Fragen zu stellen oder einen blöden Spruch zu bringen, derweil wir an der zwar unglaublich leckeren aber natürlich unschaffbaren Gesamtsituation rumknusperten. Einer kam sogar und bot Geld für Übriggebliebenes und so verkaufte Dion letztendlich seine und Becs „Reste“ (das Tablett sah aus, als ob kaum etwas davon genommen war) für 20$. Wir haben gezählt: Allein dieser eine Teller „für 2 Personen“ hat letztendlich 14 Leute abgebügelt (anders kann man es wegen dem vielen Fett wirklich nicht nennen). Ich sehe noch immer Christians pricklig-glänzend-rote Augen vor mir und den Blick den er hatte, als er vor seinem Teller letztendlich – auch halb im Delirium – resignierte. Wie schön für mich, vielleicht gibt es ab jetzt erst mal nur noch Steak, weil er kein Seafood mehr sehen kann ;o)

Der Rückflug bot uns diesmal sogar einen kurzen Blick auf spielende Delphine und nach wenigen 20 min landeten wir gestern wieder in Invercargill und machen uns von hier heute auf den Weg in Richtung Westen.










Die Polizeistation





Auf dem Weg nach Horseshoe Bay zum Anfang des Rakiura-Tracks



Am Anfang des Rakiura Tracks, Lee Bay





„Land der leuchtenden Himmel“… hier muss der Name herkommen





Mittagspause beim Sawdust Bay Campingplatz… ich gehöre offensichtlich nicht zu den gutgekleideten Trampern mit zusammenpassenden Klamotten (auch Glampers (clipping aus Glamour + Trampers) genannt…) und ein bisschen matschig war es auch :o)





bei North Arm Hut



bei North Arm Hut



morgens bei North Arm Hut – der Regen lichtet sich :o)



Kiwi-Humor… hoffentlich. Nähe Fern Gully Roadend.

6 Kommentare auf “47° Süd”

  1. Raewyn sagt:

    Well done – you know my father was born and bred in Invercargill and never got to Stewart Island :-/ One of my goals too as I have not been there either – I have more excuse though as I am a northern South Islander :-) Love your photos and dialog.

  2. Teena sagt:

    GLAMPERS??!!?? Luv it!!! *rofl*

    • Kathi sagt:

      Great isn’t it? :oD I also still like „flashpackers“ even though that’s an old one by now…

  3. Tante Käthe sagt:

    Hallo Ihr zwei, ganz ganz toll Eure Webseiten. Bin ganz fasziniert von Euren Erlebnissen und freue mich schon jetzt auf Eure Berichte in Buchform.?
    Macht weiter so.

    • Kathi sagt:

      Liebe TK (ich mag die Abkürzung so, die du ja sogar selbst benutzt),
      du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir uns darüber freuen, dass du unsere Reiseberichte liest und sie dir auch noch gefallen! Über die „Buchform“ müssen wir nochmal reden… ist eigentlich eine schöne Idee, allerdings wird das ja dann schon ein richtiger Wälzer, wenn man bedenkt, dass gerade wenn ich die Berichte schreibe, ich mich so selten kurz fassen kann…
      Liebe Grüße auch von Christian!
      Kathi

  4. Katja sagt:

    Hi ihr beiden,
    ihr habt sicherlich bereits mitbekommen, was sich in Japan ereignet hat…mein Bruder ist ja seit Juli 2010 in Tokio und ist, Gott sei Dank, vergangenen Samstag für eine Woche nach Deutschland gekommen. Normalerweise sollte er morgen wieder zurück fliegen. Die anderen Kollegen von ihm sind alle noch in Tokio und bekommen frühestens am Dienstag einen Rückflug…
    Mein Vater sagt immer, es gibt keine Zufälle, alles im Leben ist Schicksal und vorprogramiert…Da kann ich ihm nur recht geben…erst ihr zwei, die einen riesen Bammel hatten, rechtzeitig aus Christchurch weg gewesen zu sein und jetzt mein Bruder…